Totholz

Totholz

 

Zahlreiche Insektenarten haben sich auf absterbendes
und totes Holz spezialisiert. Vielleicht haben Sie schon einmal beim Waldspaziergang einen am Boden liegenden, morschen Stamm beiseitegeschoben und festgestellt, dass sich darunter zahlreiche seltsame Bewohner tummeln. Dann haben Sie einen Blick durch das Schlüsselloch des Baumes zu seinen Holzbewohnern geworfen, denn das Lebensende eines Baumes ist für viele andere Lebewesen erst der Anfang. Ganz allgemein gesprochen ist Totholz eine Bezeichnung für stehende und liegende Bäume oder Teile davon, die abgestorben sind. Als natürlicher Bestandteil zahlreicher Ökosysteme tritt Totholz in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. So kann totes Holz am lebenden Baum vorkommen, wenn ein Baum stark beschattete Äste in seiner Krone (sogenannte Schattenäste) aufgibt. Auch abgestorbene Wipfeläste, also Äste in der Spitze eines Baumes, können durch eine nachlassende Baumvitalität absterben und so zu Totholz werden.

 

Totholz auf dem Waldboden und am Baum

Daneben können Bäume durch Krankheit vollständig absterben und als stehendes Totholz verbleiben. Wenn sie weiter zerfallen, brechen einzelne Äste oder ganze Kronenteile heraus und bilden auf dem Boden liegendes Totholz, bis irgendwann nur noch ein Baumstumpf, ein sogenannter Stubben verbleibt. Selbst durch Sturm abgebrochene Äste oder hochstehende Wurzelteller, die der Sturm aus dem Boden gerissen hat, werden plötzlich zu Totholz. Letztlich bilden sich aus der gerade beschriebenen Strukturfülle je nach Baumart, Zersetzungsgrad, Feuchtigkeit und Wärme ganz unterschiedliche Lebensräume heraus.

Holzpilze haben eine überragende Bedeutung

Als unentbehrlicher Helfer im Stoffkreislauf der Natur kommt den Holzpilzen eine überragende Bedeutung zu. Sie können das sehr dauerhafte Holz zersetzen und werden in ihrer Ernährungsweise in Holz zerstörende und nicht zerstörende Pilze unterteilt. Die für das Holz harmlosen Pilze nutzen im Holz eingelagerte Reservestoffe und können die Holzzellwand nicht abbauen. Holz zerstörende Pilze hingegen ernähren sich insbesondere von den Bestandteilen der Holzzellwand. Je nachdem ob ein stärkerer Abbau von Lignin oder Zellulose erfolgt, werden Weiß- und Braunfäule unterschieden. Bei der Braunfäule wird die helle Zellulose abgebaut und es bleibt das dunkelbraune, brüchige Lignin zurück. Anders bei der Weißfäule, wo das braune Lignin abgebaut wird. Hier bleibt die faserige, fast weiße Zellulose übrig. Häufig weisen offensichtliche Pilzfruchtkörper an Stämmen und Ästen auf diese Prozesse hin. Oft werden die Fruchtkörper, die wie beim Apfelbaum ausschließlich der Vermehrung und Verbreitung dienen, fälschlicherweise als eigentlicher Pilz angesehen. Dieser sitzt aber mit seinem Pilzgeflecht im Holz oder dem Boden und ist mit bloßem Auge meistens gar nicht zu sehen.

Vom Schwefelporling bis zum Hallimasch

Ein besonders auffälliger Braunfäule-Pilz ist der Schwefelporling, der kurzlebige Fruchtkörper in unterschiedlicher Stammhöhe bildet und oft weithin sichtbar erscheint. Augenfällig ist seine namensgebende Färbung und besonders schmackhaft sind die jungen Fruchtkörper, die gegart nach Hühnchen schmecken sollen. Das Gegenteil eines gut bekömmlichen Holzpilzes ist Hallimasch. Seinen Namen verdankt der Pilz dem Umstand, dass der Fruchtkörper roh verspeist den Stuhlgang beschleunigt. Der deutsche Begriff nimmt diese Wirkung auf, denn Hallimasch kann von „Heil im Arsch“ abgeleitet werden. Dabei handelt es sich aber nicht um den einen Hallimasch, sondern um einen Artenkomplex, bei dem sich die unterschiedlichen Arten untereinander nicht kreuzen.

Schwefelporling an einer als

Naturdenkmal ausgewiesenen Eibe

Das größte Lebewesen der Welt

Im US-Bundesstaat Oregon wächst ein Hallimasch mit seinem Pilzgeflecht auf einer rund 900 Hektar großen Fläche und einer Masse von gut 600 Tonnen, weshalb er als das größte Lebewesen der Welt gilt. Allerdings ist er auch ein als „Kambiumkiller“ bekannter Totholzbildner, denn er kann vom Wurzelraum eines Baumes ausgehend das Kambium im unteren Stammbereich befallen und abtöten. Im Ergebnis sterben befallene Bäume ab und bilden stehendes Totholz, was den Baumeigentümer oftmals ärgert.

Clevere Vögel lassen Pilze für sich arbeiten

Den Holzabbau durch Pilze macht sich sogar der seltene Schwarzspecht zu Nutze, indem er an geeigneter Stelle eines Stammes, am liebsten an einer Rotbuche mit Kernfäule, eine kleine Stammwunde pickt. Durch diese Wunde können Sporen der Baumpilze eindringen, die rasch mit dem Holzabbau des harten Splintholzes beginnen. Das sich so langsam zersetzende und weicher werdende Holz wird meist Jahre später vom Specht entfernt, um den Höhlenbau zu vollenden – ziemlich clever! Aber natürlich lebt so ein Specht nicht nur im Totholz eines meist lebenden Baumes, sondern ernährt sich auch von den im Totholz steckenden Insekten. Somit dient Totholz dem Specht als Nist- und Schlafplatz oder als Nahrungsbiotop. Hat der Specht die Höhlennutzung aufgegeben, nutzen zahlreiche andere Tierarten die Höhlung – Hohltauben, Fledermäuse, Eulen, Kleiber und Siebenschläfer seien hier stellvertretend genannt.

Nachmieter in einer Baumhöhle

Tausende Insektenarten sind auf Totholz angewiesen

Auf absterbendes und totes Holz haben sich auch zahlreiche Insektenarten spezialisiert. Sie beschleunigen die Zersetzung, indem sie das Holz mechanisch zerkleinern. Überhaupt sind neben den Pilzen die Insekten eine sehr artenreiche Gruppe. Mehrere tausend Arten sind auf Totholz angewiesen und haben sich teilweise auf unterschiedliche Nischen spezialisiert. Unter den Insekten wiederum sind die Käfer die artenreichste und vielfältigste Gruppe im Totholz. In Mitteleuropa sind über 1.300 verschiedene Arten in irgendeiner Lebensphase auf Alt- und Totholz angewiesen. Zu den Besiedlern von Stubben gehört der markante und weitläufig bekannte Hirschkäfer. Seine unterirdisch lebenden Larven sind auf weißfaules Wurzelholz spezialisiert. Trockenes Nadelholz wird von den Scheibenböcken bevorzugt. Diese schlüpfen sogar aus in Wohnräumen gelagertem Brennholz. Besonnte warm-trockene Bereiche sind wiederum Lebensraum der sonnenliebenden und wunderschönen Prachtkäfer.  Juchtenkäfer besiedeln dagegen lieber Hohlräume, die durch die Zersetzung von Pilzen entstanden sind und in denen sich meist zerfallene Holzreste, sogenannter Mulm, befinden.

Ein schillernder Käfer erklimmt den Baumstamm

Sicherung einer unüberschaubaren Fülle an Leben

Letztlich sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass in allen Zersetzungsstadien Pilze, Insekten, Vögel und weitere (teilweise unbekannte) Organismen die abgestorbenen Baumteile zum Leben nutzen. Jedes einzelne Lebewesen bevorzugt dabei immer eine bestimmte Totholzstruktur. Somit ist Totholz ein entscheidender Faktor für die Sicherung einer unüberschaubaren Fülle an Arten, Lebensweisen und Überlebensstrategien, die wir unmöglich alle kennen und berücksichtigen können. Wohl aber müssen wir Totholz im Sinne einer ökologischen Nachhaltigkeit als lebendigen Lebensraum erhalten oder aktiv schaffen.

 

Autor: Michael Müller-Inkmann (www.baum-boden.de)