Luchse

Luchs

Ein Waldgeist kehrt zurück
Der Luchs ist ein Überraschungs- und Lauerjäger

Der wissenschaftliche Name des Eurasischen Luchses lautet: Lynx Lynx. In der zoologischen Systematik (Klassifizierungssystem) gehört der Eurasische Lux zur Ordnung der Raubtiere, zur Familie der Katzen, zur Unterfamilie der Kleinkatzen und zur Gattung der Luchse. Der Eurasische Luchs ist neben dem sehr seltenen Pardelluchs, der sein Verbreitungsgebiet auf der iberischen Halbinsel hat und daher auch Iberischer Luchs genannt wird, und der Wildkatze der einzige Vertreter des katzenartigen Raubwildes in Europa.

Der Eurasische Luchs ist, wie es der Name vermuten lässt, eine in Eurasien verbreitete Art der Luchse. Wenn vom Luchs gesprochen wird, so ist damit in der Regel der Eurasische Luchs gemeint. Im weiteren Text werden wir daher meist auch nur die umgangssprachliche Form „Luchs“ verwenden.

Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass es neben dem Eurasischen Luchs noch weitere Arten des Luchses gibt. So zum Beispiel den deutlich kleineren Kanadischen Luchs, der sein Verbreitungsgebiet in Kanada und Alaska hat. Und den Rotluchs. Sein Verbreitungsgebiet reicht vom südlichen Kanada bis zum nördlichen Mexiko. Dazu ist in der Literatur ein interessanter Hinweis zu finden: Der Kanadische Luchs und der Rotluchs sollen vom Eurasischen Luchs abstammen. Vor etwa 200.000 Jahren seien über die Beringstraße Eurasische Luchse nach Alaska gelangt und hätten sich dort zu den zwei eigenständigen Arten weiterentwickelt.

Der Luchs war in Westeuropa weitgehend ausgerottet

Aufgenommen im Wildpark Warstein

Ferner gibt es mehrere Unterarten des Eurasischen Luchses: So beispielsweise den Sibirischen Luchs, der in Ostsibirien und Nordost-China verbreitet ist. Den Kaukasusluchs, der im Kaukasus, in Kleinasien, Nord-Iran und Nord-Irak beheimatet ist. Und den Amurluchs, der im Osten Russlands, in Nordchina, der Mandschurei und Korea verbreitet ist.

Ursprünglich war der Eurasische Luchs in allen großen Waldgebieten und Mittelgebirgsregionen Europas verbreitet. In Europa wurde der Luchs über viele Jahrzehnte stark verfolgt. Durch staatliche Vorgaben und Abschussprämien der Landesherren wurde der Luchs besonders im 18. und 19. Jahrhundert nicht nur stark dezimiert, sondern sogar in einigen Gebieten ausgerottet. In Deutschland (bzw. im damaligen Deutschen Reich) wurden die letzten Luchse im 19. Jahrhundert geschossen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Luchs in Westeuropa weitgehend ausgerottet.

In Teilen von Nord-, Ost- und Südeuropa hat der Luchs überlebt. Die westlichsten autochthonen (seit langem vorhandene und ohne menschlichen Einfluss) Vorkommen gab es Mitte des 20. Jahrhunderts in Südschweden, in Ostpolen und der östlichen Slowakei.

Der Luchs ist eine streng geschützte Art

Die Einstellung in der Gesellschaft zu Natur- und Umweltschutz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Dank eines wachsenden Naturschutzinteresses wurden durch internationale Abkommen und die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) verbindliche Ziele für den Biotop- und Artenschutz festgelegt – auch für den Luchs. Und so ist der Luchs nach Anhang IV der FFH-RL zu einer streng geschützten Art erklärt worden.

Dank intensiver Wiederansiedlungsmaßnahmen hat sich die Zahl Eurasischer Luchse in Europa weitgehend stabilisiert. Durch zahlreiche Auswilderungsprojekte, unter anderem im Harz und im Bayerischen Wald, ist es gelungen, dass diese scheue Katzenart auch in einigen unserer Wälder wieder zu Hause ist. Einzelne Tiere sind wohl auch aus Tschechien in den Bayerischen Wald eingewandert.

So gibt es unter anderem wieder Populationen im Bayerischen Wald, der Sächsischen Schweiz, im Harz, im Spessart, im Pfälzerwald und im Rothaargebirge. Allerdings sind die Bestände vielfach noch klein und isoliert. Um den langfristigen Erfolg der Wiederansiedlung zu sichern, wird es in den kommenden Jahren darauf ankommen, einen genetischen Austausch zwischen den Populationen zu ermöglichen und dadurch eine „Verinselung“ der einzelnen Bestände zu vermeiden.

Aufgenommen im Wildpark Warstein
Straßenunterführungen und Grünbrücken müssen geschaffen werden

Denn zu einer großen Gefahr für Luchs und viele andere Wildtiere zählen die Zerschneidung und die Unterbrechung von Lebensräumen. In erster Linie ist hierbei das dichte Straßennetz zu nennen. Durch die Autobahnen und Bundesstraßen, die vielfach von Wildschutzzäunen flankiert sind, wird eine nahezu vollständige Barriere für viele Wildtiere geschaffen oder sie werden beim Überqueren von Straßen Opfer von Verkehrsunfällen. Das macht eine Verbindung der Lebensräume durch ein Schaffen von Wanderkorridoren erforderlich. Dazu zählen unter anderem das Anlegen geeigneter Straßenunterführungen und Grünbrücken.

In der Literatur ist zu lesen, dass erst bei einer Bestandszahl von 50 bis 100 Tieren, die sich untereinander fortpflanzen können, eine ausreichende genetische Vielfalt gegeben ist.

Hintergrundwissen: Wiederansiedlung des Luchses im Harz

 Mit dem Luchsprojekt Harz wurde Anfang 2000 erstmals ein Wiederansiedlungsprojekt für den Luchs gestartet. Zwischen Sommer 2000 und dem Herbst 2006 wurden im Nationalpark Harz insgesamt 24 Luchse ausgewildert. Alle in die Freiheit entlassenen Tiere entstammten Gehegenachzuchten aus europäischen Wildparks.

 Vor der Freilassung waren die Luchse in einem vier Hektar großen Auswilderungsgehege im Nationalpark an den neuen Lebensraum gewöhnt worden. Mittlerweile liegen aus nahezu allen Teilen des Mittelgebirges Luchsbeobachtungen vor. Einzelne Tiere wurden auch bereits etliche Kilometer außerhalb des Harzes beobachtet.

Viele kennen den Luchs wohl bisher nur aus Tierfilmen oder Tierbüchern. Da ist es doch interessant, dass Eigenschaften, die dem Luchs zugesagt werden, Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden haben: So sagt man dem Luchs Scharfsichtigkeit und Hellhörigkeit nach. Und so gebrauchen wir Ausdrücke wie: „Er hat Ohren wie ein Luchs“ oder „er hat es ihm abgeluchst“. Ist es denn tatsächlich so? Da wird man doch neugierig, mehr über den Luchs und seine Lebensweise zu erfahren.

Wie sieht der Luchs aus?

Aufgenommen im Wildpark Warstein

Von der Seite betrachtet wirkt der Luchs quadratisch. Das rührt daher, dass die Rückenlänge (ohne Kopf) in etwa der Schulterhöhe entspricht. Die Kopfrumpflänge beträgt zwischen 80 und 120 Zentimeter, die Schulterhöhe zwischen 50 und 70 Zentimeter. Damit ist der Luchs in etwa so groß wie ein Schäferhund. Die Läufe (Beine) sind im Vergleich zum gedrungenen Körper verhältnismäßig lang, die Vorderläufe sind um ca. 20 Prozent kürzer als die Hinterläufe. Die Pranken (Pfoten) sind groß. Das verschafft dem Luchs den Vorteil, im Winter nicht tief im Schnee einzusinken.

Am runden Katzenkopf fallen gleich ein dicht behaarter Backenbart sowie die bis zu 5 cm langen Haarpinsel an den spitzen, dreieckigen Ohren (Gehöre) auf. Ferner hat der Luchs einen kurzen Schwanz (Rute). Er ist beim Eurasischen Luchs zwischen 15 und 25 Zentimeter lang.

In Mitteleuropa beträgt das Gewicht zwischen 20 und 25 Kilogramm. Kuder, so werden in der Waidmannssprache die männlichen Luchse genannt, erreichen auch Gewichte von 35 Kilogramm. Die Weibchen sind im Schnitt um 15 Prozent leichter.

Das Fell ist auf der Oberseite des Körpers während des Sommers rötlich- bis gelbbraun und während des Winterhalbjahres grau bis graubraun. Das Kinn, die Kehle, die Brust, die Bauchseite sowie die Innenseite der Läufe sind weißlich grau bis cremeweiß.

Luchse hören das Rascheln einer Maus aus 50 Metern

Die Hauptsinnesorgane sind der Gesichts- und der Gehörsinn. Der Geruchssinn ist, wie bei allen Katzen, eher schlecht entwickelt. Untersuchungen haben gezeigt, dass Luchse das Rascheln einer Maus noch aus einer Entfernung von 50 Metern wahrnehmen können und ein vorbeiziehendes Reh 500 Meter entfernt hören können. Daher ist an den „Ohren wie ein Luchs haben“ tatsächlich etwas dran.

Die Augen sind mandelförmig geschnitten. Von der Farbe her goldgelb, gelbbraun oder ockerbraun. Sie sind das wichtigste Sinnesorgan des Luchses. Sie sind sehr lichtempfindlich. Das ermöglicht dem Luchs eine Jagd in der Dämmerung und sogar bei Nacht.

Wie lebt der Luchs?

Der Luchs bevorzugt als Lebensraum grundsätzlich große Waldgebiete mit dichtem Unterholz.

Offene Landschaften und menschliche Siedlungen nutzt der Luchs nur am Rand und temporär. Ideale Voraussetzung für die Jagd bieten ihm Wälder mit einer kleinräumigen Gliederung durch Altholzinseln, Lichtungen, felsigen Hängen und morastigen Zonen.

Bei einer Reihe von Wiederansiedlungsprojekten der vergangenen Jahre wurden telemetrische Untersuchungen durchgeführt. Diese haben gezeigt, dass Luchse einen großen Teil ihrer Beute im Randbereich von Wäldern jagen und dabei auch landwirtschaftliche Flächen nutzen. Ferner, dass Sie sich tagsüber in ihren Verstecken aufhalten und das durchaus in der Nähe des Menschen. Also auch in der Nähe von touristisch genutzten Wegen / Plätzen.

Der Luchs lebt als Einzelgänger und jagt vor allem in der Dämmerung und nachts. In der Regel ruhen Luchse tagsüber in ihrem Versteck. Die Reviergrenzen werden vom Luchs durch Harn, Losung (Kot) und teilweise auch durch Kratzspuren markiert. Während der Ranzzeit sind Luchse auch tagsüber aktiv. Sie jagen außerdem während der Tageszeit, wenn sie Jungtiere aufziehen oder wenn es an Beutetieren mangelt. Das Jagdgebiet umfasst ja nach Nahrungsangebot mehrere 1.000 Hektar (bis zu 30.000 Hektar), wobei sich die Gebiete mehrerer Luchse überschneiden.

Wie jagt der Luchs?

Die beachtliche Reviergröße lässt sich mit der Jagdweise des Luchses erklären. Der Luchs ist ein sogenannter Überraschungs- und Lauerjäger. Er erbeutet vor allem die Tiere, die sich unvorsichtig verhalten. Bei einer längeren Anwesenheit in einem Teil seines Reviers stellen sich die Beutetiere auf die Anwesenheit des Luchses ein. Ihr Verhalten wird scheuer. Um weiterhin erfolgreich zu jagen, muss der Luchs innerhalb seines Reviers immer wieder den Standort wechseln.

Die Beute wird vor allem an regelmäßig begangenen Wildwechseln (Wege, die von Wildtieren regelmäßig benutzt werden) geschlagen. Die Jagd erfolgt so, wie man es von Katzen kennt. Sie lauern der Beute auf oder schleichen sich an. Dann wird das Beutetier angesprungen. Wird die Beute vom Luchs angeschlichen, so erfolgt auf den letzten Metern, es sind dann meist nicht mehr als 20 Meter, ein blitzartiger Spurt. Bei diesen Sprints kann der Luchs eine Geschwindigkeit von fast 70 Stundenkilometern erreichen.

Die Beute, zum Beispiel ein Reh, wird durch einen gezielten Biss in die Kehle erstickt. Entkommt das Tier, so wird es meist nur über eine kurze Strecke verfolgt. Der Luchs versteckt die Beute gelegentlich unter Ästen und Blättern und kehrt dann mehrfach zu dem erbeuteten Tier zurück, um es gänzlich zu verzehren.

Wovon ernährt sich der Luchs?

Zum täglichen Nahrungsbedarf sind in der Literatur unterschiedliche Angaben zu finden. Sie reichen von 1,1 bis 3 Kilogramm Fleisch. Vereinfacht gesagt ist das ein Reh pro Woche oder ein Hasen pro Tag.

Der Luchs ist ein reiner Fleischfresser. Er erbeutet die im jeweiligen Lebensraum vorhandenen kleinen bis mittelgroßen Säuger und Vögel bis Auerwildgröße. Kleine und mittelgroße Huftiere mit einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm sind die bevorzugte Beute. Das bevorzugte Beutetier ist somit das Reh. Untersuchungen haben gezeigt, dass Rehe häufig über 80 Prozent des Beutespektrums des Eurasischen Luchses ausmachen. Dazu kommen unter anderem Rothirschkälber, Rotfüchse, Marder, junge Wildschweine (ausgewachsene Wildschweine sind zu wehrhaft), Eichhörnchen, Mäuse, Ratten, Murmeltiere, Hasen, Kaninchen, Bodenbrüter und auch Fische. Aas wird nur in Notzeiten verzehrt.

Wirtschaftliche Schäden können entstehen, wenn Luchse Haustiere – etwa Ziegen und Schafe – reißen.

Wie vermehrt sich der Luchs?

Luchse leben als Einzelgänger. Die Pärchen finden nur zur Ranzzeit (Paarungszeit) zusammen. Diese reicht von Februar bis April. In dieser Zeit markieren die Luchse das Kerngebiet ihres jeweiligen Reviers intensiv. In dieser Zeit sind auch die Ranzlaute, ein lang gezogenes „Ohu“, zu hören. Hat der Kuder (männlicher Luchs) eine paarungsbereite Luchsin gefunden, so hält er sich für einige Tage bei ihr auf. Treffen Männchen in dieser Zeit aufeinander, so kommt es durchaus zu Kämpfen um das „Paarungsrecht“.

Nach einer Tragzeit von 70 bis 75 Tagen bringt das Weibchen an einem ruhigen Platz, zum Beispiel einer Felshöhle, einem Felsspalt oder unter einem Wurzelteller zwei bis vier (selten fünf) Junge zur Welt. Sie werden maximal bis zu fünf Monate gesäugt und beginnen ab einem Alter von vier Wochen, an den Beutetieren der Mutter mitzufressen. Sie werden nur von der Mutter betreut und bleiben bis zum nächsten Frühjahr bei der Mutter. Ab dann suchen sie sich ein eigenes Revier. Ein unbesetztes Revier ist für die jungen Luchse ein entscheidender Faktor um zu überleben. Die Sterblichkeit der Jungtiere ist hoch – und das besonders durch Verkehrsunfälle.

Ein Stück des alten Lebensraums zurückgeben

Die Wiederansiedlung des Luchses wird nicht frei von Rückschlägen und auch nicht frei von Widerständen sein. Und das nicht ohne Grund: Denn die Hauptnahrung des Luchses sind nun mal Rehe, Hasen und andere Wildarten, die er jagen kann. Und sowohl das eine oder andere in einem Gatter gehaltene Stück Damm- oder Muffelwild als auch das eine oder andere Hausschaf wird sich der Luchs „schmecken lassen“. Bei allen berechtigten Vorbehalten dürfen wir dabei nicht vergessen, dass es der Mensch war, der dem Luchs seinen ursprünglichen Lebensraum genommen hat. Es wäre daher nur gerecht, wenn er dem Luchs ein Stück seines alten Lebensraums zurückgeben würde.