Waschbären

Waschbären

 

Aus den putzigen Tieren können schnell kleine „Terroristen“ werden.

Ein Rascheln im Garten und ein Klappern an der Mülltonne hatte ich in den vergangenen Tagen schon des Öfteren gehört, hatte mir dabei aber nichts weiter gedacht. Als ich heute Morgen den Müll in die Tonne werfen wollte, zog ich meinen Arm instinktiv sofort wieder zurück. Und nach einer Schrecksekunde staunte ich nicht schlecht.Zwei dunkle Augen, umrahmt von einer „Zorromaske“, schauten mich aus der Tonne verwundert an. Nanu, wer ist denn das? Das kann doch nur ein Waschbär sein. Flink kletterte das knubbelige Kerlchen aus der Tonne und verschwand in den nahegelegenen Büschen. Die Waschbären sind also auch in unserem Garten angekommen. Mit Sicherheit sind sie ja auch schon viel länger da, als ich dachte. Denn von den meisten Menschen unbemerkt hat sich der Waschbär in den vergangenen Jahren in Deutschland stark ausgebreitet. Ursprünglich stammt er aus Nord- und Mittelamerika und wurde nach Europa importiert. Das Verbreitungsgebiet des Waschbären erstreckt sich in Amerika von Panama über Mexiko und fast die gesamte USA bis zum Norden Kanadas. Davon ausgenommen sind nur Wüstengebiete und Hochgebirge. Von den Küstenniederungen bis ins hohe Mittelgebirge.

Aufgenommen im Wildpark Warstein

Das Waschbärenfell wurde für die Pelzherstellung genutzt. In den 1920er Jahren wurde auch in Europa versucht, Waschbären in Farmen zur Pelzgewinnung zu züchten. Die in Europa vorkommenden Waschbären gehen somit auf Tiere zurück, die im 20. Jahrhundert aus Pelztierfarmen und Gehegen entkommen sind oder ausgesetzt wurden. Waschbären sind daher der Gruppe der Neozoen zuzurechnen.

Hintergrundwissen: Neozoen

Als Neozoen werden Tierarten bezeichnet, die unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in ein bestimmtes Gebiet gelangten, in dem sie vorher nicht heimisch waren, und dort jetzt wild leben. Der Waschbär ist ein sehr erfolgreicher Neozoen, denn er hat sich innerhalb nur weniger Jahrzehnte über weite Teile Deutschlands ausgebreitet. So ist er hierzulande von den Küstenniederungen bis ins hohe Mittelgebirge anzutreffen.

Waschbären sind dämmerungs- und nachtaktive Tiere. Den Tag verbringen sie ruhend und schlafend in Baumhöhlen, ausgehöhlten Baumstämmen, alten Steinbrüchen, Scheunen, Gartenhäuschen, Garagen, verlassenen Häusern, auf Dachböden und sogar in Industriebauten. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass man sie nur selten sieht und oft noch gar nichts von ihrem Vorhandensein weiß, obwohl sie sich bereits längst in großer Zahl angesiedelt haben. Heimische Tierwelt sollte „bereichert“ werdenAuch mögliche Uhu-Nistplätze wie zum Beispiel alte Steinbrüche werden von Waschbären besetzt. Selbst in Horsten von Greifvögeln, Storchen und Graureihern sind Waschbären anzutreffen. Durch das Besetzen von Nistplätzen und Horstplätzen werden die einheimischen Vögel verdrängt und am Brüten gehindert. Negative Einflüsse auf deren Population werden zwangsläufig die Folge sein.

Aufgenommen im Wildpark Warstein

Für die Verbreitung des Waschbären in Deutschland war das Aussetzen von zwei Waschbärenpaaren am 12. April 1934 am Edersee in Hessen von ausschlaggebender Bedeutung. Durch das Aussetzen sollte die heimische Fauna „bereichert“ werden. An die möglichen Konsequenzen für die heimische Fauna hatte man dabei wohl nicht gedacht oder diese falsch eingeschätzt. Es hatte bereits vorher Versuche gegeben, den Waschbären anzusiedeln. Diese waren allerdings bis dahin erfolglos geblieben. Das Gebiet um den Edersee muss für die Waschbären ein idealer Lebensraum (gewesen) sein. Die Ansiedlung gelang und vom Edersee aus erfolgte eine schnelle Verbreitung. Ein weiteres Verbreitungsgebiet ist in Brandenburg anzutreffen. Hier waren 1945 etwa zwei Dutzend Waschbären nach einer Bombenexplosion aus einem Waschbärengehege ausgebrochen.

Schwarze Gesichtsmaske à la Zorro

Charakteristisch für den Waschbären ist die schwarze Gesichtsmaske über der Wangen- und Augenregion. Die einen sagen daher, dass Waschbären wie Zorro aussehen, die anderen, dass sie wie ein Bandit aussehen. Typisch ist auch sein „Katzenbuckel“ und eine springend-hüpfende Fortbewegung. Die Gesamtlänge eines männlichen Tieres kann durchaus 100 cm betragen. Die eigentliche Körperlänge liegt zwischen 40 und 70 cm, der buschige Schwanz um die 20 bis 30 cm. Die Schulterhöhe liegt zwischen 20 und 30 cm. Das übliche Gewicht lieg bei bis zu 7 kg. Waschbären halten keinen Winterschlaf, wohl aber eine Winterruhe. Dafür fressen sich Waschbären ein Fettpolster an. Sie erreichen zum Spätherbst durchaus ein Gewicht von bis zu 10 kg. Nachtaktiver Allesfresser ist ein guter Schwimmer und Kletterer Der Waschbär ist ein vorwiegend nachtaktiver Allesfresser. Er kann ausgesprochen gut klettern und schwimmen. Er kann sogar einen Baum mit dem Kopf voraus hinunterklettern. Dazu verdreht er seine Hinterpfoten so weit, bis diese nach hinten zeigen. Auf dem Speiseplan der Waschbären stehen unter anderem Vogeleier, Jungvögel, Frösche, Gelege, Insekten, Mäuse, Fische, Obst, Nüsse, Beeren und Mais. Im Getreide und Obstbau kann es dabei zu Schäden durch den Waschbären kommen. Auch Abfälle werden nicht verachtet. Die Paarungszeit (Ranzzeit) ist im Spätwinter, also im Zeitraum von Februar bis März. Gelegentlich wird diese bis Mai / Juni ausgedehnt. Nach zirka neun Wochen wölft die Bärin zwei bis fünf Welpen. Die Jungtiere werden anschließend von ihrer Mutter bis zur allmählichen Trennung im Herbst alleine aufgezogen. Im zweiten Lebensjahr sind sie selbst geschlechtsreif.

Woher hat der Waschbär seinen Namen?

Und woher kommt der Name „Waschbär“? Bei in Gefangenschaft gehaltenen Tieren ist beobachtet worden, wie die Tiere ihre Nahrung in Wasser tauchen und / oder im Wasser hin- und her bewegen. Dies wurde früher als Waschen der Nahrung gedeutet. Allerdings geht man heute davon aus, dass es sich dabei um eine Ersatzhandlung handelt, eine Imitation der Nahrungssuche an Fluss- und Seeufern nach Kleinlebewesen. Ob gegebenenfalls wildlebende Waschbären dazu neigen, sehr trockenes Futter gelegentlich unter Wasser aufzuweichen, ist noch nicht hinreichend geklärt. Früher hat man den Waschbären als Einzelgänger angesehen. Mittlerweile ist belegt, dass er ein geschlechterspezifisches Sozialverhalten zeigt. Miteinander verwandte Fähen (Weibchen) teilen sich oft ein gemeinsames Gebiet. Nicht verwandte Rüden (Männchen) leben dagegen in lockeren Kleingruppen zusammen, die aus bis zu vier Tieren bestehen.

Aufgenommen im Wildpark Warstein

Bevorzugter Lebensraum sind Laub- und Mischwälder Ein bevorzugter Lebensraum von Waschbären sind Laub- und Mischwälder mit einem ansprechenden Angebot an Feuchtgebieten. Aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit ist es dem Waschbären gelungen, nicht nur in Randgebieten menschlicher Siedlungen zu leben, sondern auch Städte als Lebensraum zu nutzen. Und warum auch nicht? Überall gibt es Versteckmöglichkeiten und Fressbares an 365 Tagen im Jahr. Früchte von nicht abgepflückten Obstbäumen, prall gefüllte Katzenfutternäpfe, Essensreste auf Komposthaufen oder in Mülltonnen. So weist die nordhessische Stadt Kassel eine der dichtesten Waschbärenpopulationen in einem städtischen Gebiet auf. Durchgeführte Forschungen im Jahre 2011 in Kassel hatten ergeben, dass in dem Untersuchungsgebiet auf jedem Quadratkilometer knapp 50 erwachsene Waschbären leben. Zusammen mit den Jungtieren sei die Zahl im Sommer und Herbst fast doppelt bis dreimal so groß. Ein überwiegender Teil der Schlafplätze, so die Untersuchung, befände sich in Gebäuden.

Regenfallrohre sind beliebte Kletterhilfen. Als Aufstiegsmöglichkeit auf Dächer eines Gebäudes nutzen die Waschbären meist das Regenfallrohr. Auch an Häuser angrenzende Bäume und Efeubewuchs werden zum Hochklettern genutzt. Kleine Öffnungen oder Schäden an Dächern werden teilweise gezielt von den Waschbären geöffnet und / oder vergrößert, um auf die Dachböden zu gelangen. Es geht aber auch durchaus direkt durch den Schornstein.   Und so wundert es nicht, dass mittlerweile viele Häuser die Regenfallrohre mit Blechmanschetten versehen, um den Aufstieg auf das Dach zu verhindern oder sogar mit Elektrozäunen den Dachbereich schützen. Und das nicht ohne Grund. Denn die Reparatur von Schäden, die Waschbären bei der Nutzung von Dachböden als Schlafplatz verursachen, kann schnell mehrere tausend Euro betragen.

Waschbär-Spulwurm ist potenziell gefährlicher Erreger

Durch den zunehmenden Kontakt zwischen Waschbär und Mensch (zum Beispiel über Dachböden und Brennholzstapel) muss auch die mögliche Übertragung von Krankheiten angesprochen werden. Waschbären können unterschiedliche Parasiten beherbergen. Für den Menschen ist davon der Waschbär-Spulwurm ein potenziell gefährlicher Erreger. Der Waschbär-Spulwurm lebt im Dünndarm der Tiere. Mit dem Kot scheidet ein vom Spulwurm befallener Waschbär täglich Tausende von Eiern aus. Diese sind mikroskopisch klein und für das menschliche Auge unsichtbar. Die Infektion erfolgt dabei durch die orale Aufnahme von Spulwurmeiern aus dem Kot der Tiere. Das kann schon passieren, wenn man den Kot aus Versehen berührt und anschließend mit den Fingern an den Mund kommt. Da der Kot eine Infektionsquelle darstellt und viele Kinder zwischendurch immer mal wieder einen Finger in den Mund stecken, sollte Kindern dieser Sachverhalt durchaus vermittelt werden, wenn Waschbären auf dem Grundstück oder im Haus festgestellt worden sind. Waschbären haben die Angewohnheit, bestimmte Stellen wiederholt als „Toilette“ zu benutzen. Wird diese Stelle von mehreren Waschbären wiederholt über einen längeren Zeitraum aufgesucht, bilden sich regelrechte Latrinen. Diese befinden sich meist auf erhöhten Stellen. Auf einem Steinbrocken oder auch am Fuß eines großen Baumes. In Städten beispielsweise auf Brennholzstapeln und / oder auf Dachböden. (Tragen Sie beim Entfernen der Latrinen eine Staubmaske und Einweg-Handschuhe).

Was kann jeder Einzelne tun?

Wenn es also demnächst auch mal in Ihrer Mülltonne poltert, der Kirschbaum abgeerntet ist oder Topfpflanzen ausgegraben sind, so können Sie sich denken, wer es was: Das Tier mit der Zorro-Maske.

Und spätestens ab dann gilt:

  • Müll und Abfälle unzugänglich aufbewahren.
  • Müll- und Biotonnen mit starken Spanngummis sichern.
  • Gelbe Säcke am besten erst morgens herausstellen und ansonsten verschlossen aufbewahren.
  • Keine Speisereste wie Fleisch, Fisch, Brot und Milchprodukte auf den Komposthaufen werfen.
  • Keine Futterreste für Hunde oder Katzen auf der Terrasse stehen lassen.

Und natürlich die Waschbären nicht noch zusätzlich füttern. Mögen sie auch noch so putzig aussehen. Sie finden in den Dörfern und Städten sowieso mehr als genug. Regelmäßig durch den Menschen gefütterte Tiere können sich zu regelrechten kleinen „Terroristen“ entwickeln. Sie können ausgesprochen unverschämt und sogar aggressiv werden. Durch regelmäßige Futtergaben vermehren Sie nur den Bestand. Und damit auch die Probleme, die der Waschbär mit sich bringt.

Autor: H. K.